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Das Ziegenhainer Lüdertor
Die nachfolgen Reime sind mir vor einigen Jahren aus Langerweile aus der Feder geflossen und warten zugegebener
Weise mit eher poetisch fragwürdigem Charakter auf. Sie behandeln in Gedichtform die Geschichte um die Belagerung
der Festung Ziegenhain zur Zeit des Schmalkaldischen Krieges und hier insbesondere die Rolle des damaligen
Festungskommandanten Heinz von Lüder. Nach Fertigstellung dieser Zeilen habe ich meine dichterische Karriere bis
auf weiteres an den Nagel gehängt.
Sagt “Heinz” zu mir!
Vorwort 
(Bei diesem Vorwort handelt es sich sozusagen um einen schwülstigen Verbalerguss, mit
der Absicht, “dichterisch in Fahrt zu kommen”. Sowas braucht man als Poet.)
 
Ein Blümlein sprießt am Wegesrand, und wie ein silbrig träges Band 
fließt durch der Auen Nebelbänke die „Schwalm“, von droben in die Senke.
Nach diesem Fluss hat man benannt, sogleich mein ganzes Heimatland.
Du Vaterland, bist mein Pläsier: oh, holde Schwalm, bin gerne hier!
 
Dein Acker nährt die hungrig Mäuler, Dein’ Weiden sättigt Schaf und Gäuler,
Dein dichter Tann  und Buchenholz erwärmt den Ofen kaum - was soll’s.
 
Liegst zwischen Kellerwald  und Knüll,  gleichst einem Füllhorn, voll  der Füll’,
bist Pestilenz  und Elixier: oh, holde Schwalm,  ich liebe Dir.
 
 
 
So, jetzt geht’s aber los: 
 
Vor langer Zeit, soviel steht fust, hat das der Philipp auch gewusst.
Der war als Kind besonders brav und wurde bald zum  Landesgraf.
 
Ein Landgraf wird, wie Ihr  ja wisst, nur wer den Teller  alle isst,
sich wäscht und seine Schuhe putzt, das Tischtuch nicht zum Schnäuzen nutzt,
 
wer artig und bescheiden bleibt, obwohl der Haferstich ihn treibt
und den Erfolg nicht früh verdirbt, weil er mit knapp drei Jahren stirbt. 
 
 
 
Hurra! Im Jahre 1537 beschließt Landgraf Phillip I. von Hessen, Ziegenhain zu
einer Festung auszubauen
 
An einem Tag (vielleicht im Mai, das Datum ist auch einerlei),
erreichte Philipp mit den Schergen erst Kotte- und dann  Galgenbergen.
 
Der Kutscher  hielt, der Graf stieg aus. Er deutete aufs Land hinaus,
hob an die Stimme, stockte dann –  und fing noch  mal von vorne  an.
 
Dann sprach er: „Ei, wie ist das schön, hier sollte meine Festung stehn
und weil am Wald dort Geißen sein, heiß ich den Ort jetzt  Ziegenhain.“
 
Dass dort bereits ein Jagdschloss stand, das insgesamt viel Zuspruch fand,
hat Landgraf Philipp nicht gestört (zu  sehr hat ihn die Schwalm betört),
 
denn auch strategisch lag es gut, was jedenfalls das Seine tut, 
wenn  Feindesvolk und solch Gesind’ ein Bauwerk unter Feuer nimmt.
 
Gesagt, getan, ein Plan entstand, bis Landgraf Philipp hat erkannt,
dass gutes Bauen findet statt  nur,  wenn  man davon Ahnung  hat.
 
So lies er große Steine hauen,  um seine Festung aufzubauen,
lud Balthasar von Germersheim von Herzen  ein, dabei zu  sein,
 
der kam und nahm  auf seinem Ritt „Von Ettlingen“ gleich auch noch mit,
der vorneweg „Hans  Jakob“ hieß,  was oft man unbeachtet  ließ.
 
 
Die beiden Herren fingen dann als Baumeister zu  zeichnen  an,
bis alles Werk nach vielen Stunden, ward allerseits für gut befunden.
 
Mit Philipp kam man überein, ein’ Wasserfestung sollt’ es sein
und außerdem, ganz außer Fragen, müsst’ sie auch einen Graben haben.
 
Und einen Wall von gut elf Ellen*, seitlich flankiert von vier Rondellen  
auf die zuletzt  mit Manneskraft  man eherne  Geschütze  schafft.
 
(*Homberger Maß)
Kurzer Themen-Exkurs: Der Glacis 
 
Ein Glacis ist ein flacher Wall. Der dient dazu, für jenen Fall,
dass Kriegsvolk vor den Toren steht, man innerlich auf Abstand geht.
Oft hat er einen Wassergang, mit dem man Wiesen fluten kann.
Denn bleibt der Feind im Moder stecken, tut bestenfalls  er dort verrecken,
 
was dazu führt, dass bis zum Schluss man wenig Kugeln schießen muss.
Und das ist wirksam und gemein, und deshalb baut man so was ein.
 
 
 
 
Zurück zum Geschehen… 
 
Den Glacis fand der Landgraf faktisch für seinen Festungsbau recht praktisch, 
weshalb – im Rückblick, wie Ihr  wisst – dort Feind und Freund ertrunken  ist.
 
Neun  Winter gingen nun  ins Land und aus dem Anfangstatbestand,
war Dank des Fleiß´ von tausend Händen, ein Prachtbau vor dem Herrn entständen.
 
 
 
Jetzt wird’s  ernst: Im Schmalkaldischen Krieg (1546-1547) verweigert Heinz von Lüder als erster Kommandant die
Übergabe der Festung an den von Kaiser Karl V. gesandten Generalfeldmarschall Reinhard Graf zu Solms
 
Doch als die Festung fertig war, war Reinhard Graf zu Solms bald da
und hoffte, ohne Kampfattacken das Bauwerk gänzlich einzusacken,
um es mit Mauern, Turm und Türen der Macht des Kaisers zuzuführen,
es dann gestrenge einzufassen und schließlich nicht mehr loszulassen.
 
 
Zu dieser Zeit war dummerweise Herr Landgraf auf sehr langer Reise,
im Oberteil der Niederlanden, die ihn dort unsympathisch  fanden,
 
weshalb man ihn in Fesseln legte, mit Brot und Wasser nur verpflegte,
was, weil es wenig Freude bot, die gute Laune ihm entzog.
 
In Ziegenhain sah’s traurig aus, Von Lüder war allein zu Haus
und lies, trotz  aller Not und Pein, den Graf zu Solms erst gar nicht rein.
 
Der wiederum war höchst erzürnt. Die Festung hätt’ er gern erstürmt,
(was ohnehin  unmöglich  war) und trotzdem  blieb er erst mal da.
 
Jetzt kommt’s: Kaiser Karl V. droht Heinz von Lüder Repressalien an
 
Ja, dann zog Ungemach  herauf, denn Kaiser Karl, der tat sich auf
und ließ den Herrn von Lüder wissen, dass er wird bitter büßen müssen,
 
weil er in Regen, Sturm und Nässe, den Solms vor seinen Toren  lässe,
denn so was könne endlich führen zu bösen Grabenfußgeschwüren  –
 
was käme, wenn  man wenig geht und viel im kalten Wasser steht,
und nicht auf die Gesundheit  achtet, des Nachts  kaum schläft  und tüchtig
schmachtet
 
und sich in Haut- und Fuß-Gefilden allmählich Pilz und Krätze bilden 
(dem präventiv - sobald es regnet - man stets Trockenheit begegnet).
 
 
Nun drohte Karl dem Heinz von Lüder, man sehe sich sehr bald schon wieder
und würde dann zu Trommelklängen ihn droben in der Luft aufhängen,
 
so lange, bis er nicht mehr lebe  und in das Himmelreich  entschwebe.
             Graf Solms hielt dies (und unterdessen) für Heinz  von Lüder angemessen.
 
Doch Lüder sprach sodann zum Grafen: „Bevor mir tönen  Engelsharfen,
fließt, wo es leidlich geht bergab, viel Wasser noch die Schwalm  hinab.
 
Sagt mir dem Kaiser einen Gruß, soll handeln, wie er handeln  muss.
Ich aber halte Ziegenhain, bis Landgraf Philipp kehret heim.
 
Denn dieser gab als freier Mann die Festung mir, und ich nahm  an.
Drum kriegt er sie am ganzen  Stück als freier Mann von  mir zurück.
 
Hört, diese Festung – ohne  Scherz -, liegt wahr - und treulich  mir am Herz,
ihr Schutz,  das ist mein Eid und Pflicht. Das ändert auch der Kaiser nicht!
 
 
Nun, Graf von Solms war echauffiert. Als Mensch,  der gerne kommandiert,
da passte ihm beileibe nicht, dass Lüder ständig widerspricht. 
 
Auch Kaiser Karl schäumte  vor Wut. Sein Haupt  erstrahlte  rot wie Glut
(das kam, weil er so lange, glatte, fast backsteinrote Haare hatte).
 
Doch alles Zorn  und Galle spucken, tat Heinz von  Lüder wenig jucken.
Der sprach: „So fest wie Ziegenhain, so soll auch meine Treue sein!
 
 
 
 
Das Blatt wendet  sich: Landgraf Philipp kehrt aus der Gefangenschaft zurück 
 
Als bald darauf der Landesgraf aus Holland in der Schwalm  eintraf,
da hatte er, man wird es sehn, fürwahr  ein schwieriges Problem:
 
Zum einen lag’s in seinen Pflichten, nun Heinz von Lüder hinzurichten,
weil Kaiser Karl (der Chef) das wollte - der noch mehr, als sonst üblich grollte,
 
zum  andern wäre die Verschonung des treuen  Lüders die Belohnung,
für das, was er für Philipp tat, als der daselbst in Fesseln lag. 
 
Was tun? Das Herz ward Philipp schwer, denn eine Lösung musste her,
die Lüder trotz  der Schuldprozesse im besten Fall am Leben lässe.
So grübelte er her und hin. Und plötzlich kam ihm in der Sinn,
dass Kaiser Karl zwar von ihm wollte, dass Lüder man erhängen  sollte,
 
für jeden sichtbar, hoch am Tor - doch schließlich  kam es Philipp vor,
dass Karl ja nicht hatte verlangt, dass Lüder man am Hals erhangt,
 
was guter Letzt dann dazu führte, dass Lüder um den Bauch man schnürte,
der sich darüber hoch entzückte, weil dies ihm kaum die Luft  abdrückte.
 
Und auch kein Strick  umschlang  die Lenden - ein Kettlein (lies man hier
verwenden) von purem Gold und Kunstgeschmeide umschmeichelte  die
Eingeweide.
 
Da baumelte frisch und geschwind Von Lüder hoch im Morgenwind
und konnte  so, nach  kurzem Hangen noch etwas mit dem Tag anfangen.
Und bald schon sank Von Lüder wieder vom hohen  Tor zur  Erde nieder.
Und das, woran er aufgehängt, bekam er obendrein geschenkt:
 
Die güldne Kette in der Hand, ein dumpfes Zerren im Gewand,
das Herz  voller Zufriedenheit, den Geist erfüllt  mit Dankbarkeit,
 
so blickte er den Landgraf an, bevor er diesen Satz ersann:
Mein Herr, ich will vor allen Dingen auf Euch ein hohes  Loblied singen!
 
Nehmt  meine Freundschaft  hiermit an, und sprecht mit mir von Mann zu  Mann.
Und zur Vollendung dieses Reims, nennt mich ab heute bitte ‘Heinz’!“
 
 
 
 
Schlusswort 
 
Und damit endet das Gedicht. Ob’s wahr ist? Nun, man weiß es nicht.
Doch sicher ist, das warm und trocken, heut‘ Lumpen in der Festung hocken.
 
Das nennt  man hier, in dieser Zeit „Justitias Gerechtigkeit“
Ach, könnte  das Von Lüder sehen, der würde sich im Grab umdrehen
 
oder mit Ketten, Tröten, Tuten hoch im Gebälk des Schlossturms spuken.
Da, horch! Hört man des Mitternachts kein Rasseln am Paradeplatz?
 
Und schwebt da zwischen  Wall und Graben nicht Lüders Geist durch  weiße
Schwaden, bis morgendliches Sonnenlicht den feuchten, kalten  Nebel bricht?
 
Am Ende lässt sich kaum erkennen, welch‘ Geister schweben,  welche rennen,
doch manch‘ Gespenst hat schon geschafft, zu fliehen  aus der Festungshaft.
 
Nur die Erinnerung,  sie bleibt, an einen Held aus früher  Zeit,
nach dem – und das ist wohl bekannt  –  man hat das Lüdertor benannt.
 
Und wer den Torbogen beschreitet, kriecht, humpelt  oder durch ihn reitet,
der denke einen Augenblick an Heinz von Lüder still zurück,
 
der uns mit seinen Taten  lehrte, es sei vor allem das Verkehrte,
den Feind vereinzelt und in Massen von draußen in sein Haus zu lassen,
weil dieser quasi über Nacht den Hausherrn zum Gesinde macht.
 
 
 Ende 
 
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Landgraf Philipp I. von Hessen (© gemeinfrei)
Kaiser Karl V. (© gemeinfrei)
Grundriss der
Festung Ziegenhain
(© gemeinfrei)
Glacis (© gemeinfrei)
Das Ziegenhainer Lüdertor
Bronze-Modell der Festung Ziegenhain
Der Paradeplatz: links die ev. Kirche, im Hintergrund
das Schloss mit Gouverneursflügel
Alle rot: Kaiser Maximilian mit Familie
(der Sohn Philipp der Schöne, die
Gattin Maria von Burgund, die Enkel
Ferdinand I., Karl V. und sein
Schwiegerenkel Ludwig II.; Bernhard
Strigel, nach 1515, vor 1520.
© gemeinfrei)
“Es säuselt draußen
Frühlingsduft, doch drinnen
herrscht gesiebte Luft”
Auch wenn’s fürwahr nicht jedem passt:
das Schloss - es ist und bleibt ein Knast.
SCHWALMGESCHICHTEN