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Das Stollenloch bei Sebbeterode
Auf diesen Ort bin ich zugegebener Weise nur aus Zufall gestoßen. Bei
der Suche nach einer sonntäglichen Familienbeschäftigung fiel vor ein
paar Jahren die Entscheidung auf eine kurze Wanderung im
Sebbeteröder Wald, die schließlich zum Stollenloch führte - einer
merkwürdigen, tiefen, dunklen und etwas unheimlichen Öffnung. Doch
was hat es damit auf sich?
Das Internet hält sich hier äußerst bedeckt. Die einzige mir bisher
bekannte virtuelle Existenzfeststellung des Stollenlochs findet sich auf
einer Seite des Portals www.geocaching.com  die Interessenten zu einer
GPS-gestützten Schatzsuche an eben jener Stelle einlädt.
Erklärend wird dort berichtet, es handele sich um einen Bergwerkstollen,
der in früherer Zeit dem Erzabbau diente. Anderweitige Aussagen waren
auch in sonstigen digitalen Quellen nicht zu finden. Befragungen von Leuten, die in
der Nähe wohnen, blieben ohne Ergebnis: entweder war das Stollenloch nicht bekannt oder man wusste nichts über
seine Bedeutung. So weit, so schwierig.
Wirkliche Erhellung brachten erst zwei Gespräche mit Herrn Adolf Otto, der als Autor
der 328 Seiten starken Chronik „800 Jahre Sebbeterode 1201 -2001; ein Dorf im
Hochland“ (Gilserberg 2001) tief mit der Heimatgeschichte verwurzelt ist. Aus seinen
Recherchen geht hervor, dass Bergbau in der Umgebung von Sebbeterode eine lange
Tradition hat. Dabei verweist er auf folgende Quelle:
Die „Special Beschreibung für die Dorfschaft Sebbeterode von 1776“ unter „§ 8
Mineralia“ stellt fest, „Eißen oder Segmente Fluß Steine zur Herrschaftlich Densberger
Eißen-Hütte und Schiefersteine, sonst aber keine Mineralia werden in hiesiger
Terminey gegraben, wovon aber die Gemeinde keinen Nutzen zu profitieren hat.
Hier wird die Aussage getroffen, dass in der Zeit um 1776 bei Sebbeterode Eisenerz
und Schiefer gefördert wurde. Insbesondere die Densberger Eisenhütte und die
Rommershäuser Hütte (zum Kloster Haina gehörend), waren Bezieher des
Eisenerzes. Gemeint ist jedoch nicht das zu Schwalmstadt gehörende
Rommershausen, sondern der heutige Ort Schönstein, der sich sozusagen als
Industrieansiedlung auf der Grundlage der hier genannten Rommershäuser Eisenhütte
gebildet hat.
Das Gestein rund um das Stollenloch weist relativ deutlich auf das Vorhandensein von
Schiefer hin (siehe Foto oben). Daher wird es in dieser Gegend auch als Schieferstollen, -
loch, -delle, -kaute oder Schiefersteingrube bezeichnet. Im Buch „Geschichten aus dem
Kellerwald“ von Hannelore Dröge und Klaus Rupetz (Jesberg 1999) führen die Autoren auf
Seite 59 dazu folgendes aus:
Im Sebbeteröder Wald gibt es eine große, tiefe Grube, die Schiefersteingrube genannt, sie
misst oben 10 Meter im Quadrat und auf der Sohle 20 Meter; sie ist 15 Meter tief.“
Wie zu erwarten hat sich auch die Sagenwelt mit der Schiefersteingrube befasst - wenn auch nur in sehr kurzer Form.
So erzählt der Schwälmer Sagenborn von einer schwarzen Jungfrau auf der Hundskoppe, die sich alle sieben Jahre
am 1. März in der Nähe des Schieferbruchs zeige und dabei ein Schlüsselbund in der Hand halte.
Auch eine gläserne Kutsche könne man hier zur Geisterstunde sichten, gezogen von
zwei schwarzen Pferden. Kein Kutscher lenke sie und kein menschliches Wesen
sitze darin (vgl. Erika Eckhardt “Schwälmer Sagenborn”, Elwert Verlag 1987, Seite
169).
Warum die Jungfrau diesmal ausdrücklich schwarz ist, bleibt unklar. Schwarz
symbolisiert allgemein den Tod, was auch in der Geschichte der gläsernen Kutsche
zum Ausdruck kommt. Solche Fahrzeuge werden noch heute an die Spitze von
Leichenzügen gesetzt. Zudem kleiden sich Menschen nach wie vor auf
Beisetzungsfeiern schwarz und möglichst nicht bunt. Dahinter steht die alte von
Aberglaube geprägte Hoffnung, “Gevatter Tod” möge den Kleidungsträger bei der
Auswahl seines nächsten Opfers übersehen, denn bunte Farbtöne sind wie man
weiß optisch sehr viel auffälliger. Möglicherweise ist die Farbe im Fall der Sagen um
die Hundskoppe aber auch nur ein Hinweis auf den hier gefundenen Schiefer, der
bekanntlich ebenfalls schwarz ist.
Letztlich war der dort abgebaute Stein offensichtlich wohl von wenig
durchschlagender Qualität und der Förderbetrieb lohnte sich im Vergleich zum
entstandenen Aufwand bald nicht mehr. Die nicht überaus weit entfernten
Abbaustellen im Sauerland konnten diese Lücke problemlos schließen. Herr Otto
berichtet, letztmalig verwendet wurde der Schiefer aus dem Stollen bei der
Renovierung der Sebbeteröder Kirche im Jahr 1949. Bei späteren
Dachausbesserungen kam dann nur noch Sauerländer Schiefer zum Einsatz.
Lagekoordinaten 50° 58' 11.9" N     9° 05' 34.3" E               Karte
Anfahrt: von Gilserberg bzw. Jesberg über die Bundesstraße 3 nach Sebbeterode (auf der B3 bleiben). An der Höhe
der Geschindigkeitsmessanlage (Starenkasten in 70km/h Begrenzung) in die Straße “Zum Gründchen” einbiegen und
dort parken. Zurück zur B3 gehen, dort in Richtung Jesberg den nächsten Wirtschaftsweg links den Hang hoch
einschlagen (Richtung Nord-Ost) und bergauf laufen, bis man in nördlicher Richtung den Wald erreicht. Im Wald den
ersten Weg links hoch nehmen und darauf bleiben. Nach gut 500 m macht der Weg eine scharfe Rechtswendung um
beinahe 180°. Das Stollenloch liegt hier ca. 20 Höhenmeter oberhalb des Weges und ist eingezäunt. Die gelben
Warnschilder (s.u.) sind gut zu erkennen. Vorsicht: das Gelände ist steil und durch den Schieferabraum sehr rutschig -
Verletzungsgefahr! Bei Interesse kann rund um das Stollenloch ein Geocache gefunden werden.
Abschließend möchte ich Herrn Adolf Otto (Sebbeterode) für seine sehr freundliche und engagierte Unterstützung
danken, ohne die es nicht möglich gewesen wäre, die Bedeutung des Stollenlochs zu klären.
 
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Bild: mittelalterliche Darstellung
zeitgenössischer Bergbaumethoden
(”Fahrungen”). Georgius Agricolas
1556, © gemeinfrei
ca. 20 Höhenmeter
oberhalb dieses Weges
liegt das Stollenloch
Zur Vermeidung von
Abstürzen eingezäunt!
Der Ausblick vom
Stollenloch auf den Weg ist
interessant - besonders für
Geocacher
Schiefergestein
Abraumhalde
Schieferbrocken
ehemaliger unterer
Stollenzugang
SCHWALMGESCHICHTEN