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SCHWALMGESCHICHTEN
Das Kurfürstentum Hessen, die Schwalm und der Deutsch-Französische Krieg 1870/71
Die geschichtliche Retrospektive heutiger Gedenktage ist in der Regel stark auf die kriegerischen Ereignisse der letzten
100 Jahre begrenzt. So werden in Gottesdiensten und Andachten des Volkstrauertages vorrangig den Opfern der
beiden Weltkriege gedacht, zu denen innerhalb der heute lebenden Generationen eine gewisse emotionale Verbindung
bzw. Erinnerung besteht.
So trauert auch jetzt noch der eine oder andere um den im II. Weltkrieg vermissten oder gefallenen Bruder, Vater oder
die im Bombenkrieg getötete Mutter. Die Beziehung zu den Gefallenen des I. Weltkrieges dürfte auf Grund der langen
Zeitspanne, die seit dem Ende dieses gewaltsamen Konflikts zurückliegt, vermutlich eher in einem geschichtlichen
Interesse oder der heute modern gewordenen Ahnenforschung liegen.
 
Mit dem Untergang des nationalsozialistischen Faschismus setzte ein grundlegender Wandel in der Erinnerungskultur
ein. Während frühere Gedenktage darauf ausgerichtet waren, bedingungslos das nationale Selbstbildnis zu er- und
überhöhen, dient der heutige Volkstrauertag neben dem Gedenken der Kriegsopfer auch der Mahnung an gegenwärtige
und kommende Generationen vor totalitären politischen Systemen, Rechtsextremismus, Krieg und Gewalt.
Linksextremismus findet erstaunlicherweise dagegen bisher  wenig Eingang in die allgemeinen Appelle zur
Wachsamkeit.
 
Sichtbare Zeichen dieser Erinnerungskultur finden sich auch in der Schwalm in den meisten Kirchen sowie auf den
dazu gehörenden Friedhöfen. Mahnmale listen die Namen und Sterbedaten von Teilnehmern des I. und II. Weltkriegs
auf, detaillierte Namenslisten sind oft in den Eingangsbereichen der Kirchen angebracht. Gelegentlich finden sich aber
auch Vermerke über Kriegsheimkehrer die das große Glück hatten, halbwegs wohlbehalten nach Hause zu kommen.
Je weiter man in der Geschichte zurückgeht, desto spärlicher werden die Hinweise auf
die Opfer vorangegangener Kriege. Es scheint beinahe so, als ob diese völlig aus dem
öffentlichen Bewusstsein verschwunden sind. Vielleicht mag es heute nur einige
Ahnenforscher und Geschichtsbesessene interessieren, wer aus Treysa, Ziegenhain
oder den schwälmer Dörfern in den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gezogen ist
oder wer aus denselben (und anderen) Orten im Juli 1870 in einen bewaffnetet Konflikt
mit Frankreich genötigt wurde.
 
Dies stimmt umso nachdenklicher, da die Erinnerung an die Geschehnisse der
Vergangenheit nur denjenigen zur Mahnung gereichen kann, die Kenntnis über ihre
nationale, regionale und örtliche Geschichte haben. Die reflexhafte Übernahme von
Schuld ist dabei keineswegs angebracht - schuldig ist letztlich nur, wer eine Tat im
Vollbesitz seiner geistigen Kräfte und wider besseres Wissen begangen hat. Unschuld
entbindet dagegen jedoch nicht von Verantwortung – insbesondere von der
Verantwortung daran mitzuwirken, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Auch in
diesem Zusammenhang sei hier an der Deutsch-Französischen Krieg erinnert, dessen
Beginn sich im Juli 2020 zum 150. Mal jährt: 
Kurhessische Soldaten als Teil der preußischen Armee – wie kam es dazu?
Geschichtlich betrachtet war die Schwalm im Jahr 1866 - als Teil des damaligen Kurfürstentum Hessens – ein durch
das Königreich Preußen annektiertes Gebiet. Diese Annexion war eine Begleiterscheinung und langfristige Folge des
Deutschen Krieges (14. Juni bis 23. August 1866), in dem Preußen gegen Österreich und seine Verbündeten kämpfte
und diese letztlich militärisch besiegte. Zu diesen Verbündeten Österreichs zählte bis dahin u.a. das Kurfürstentum
Hessen. Auch im Interesse der Verbesserung seiner militärischen Ausgangsposition marschierten preußische Truppen
bereits am 16. Juni 1866 in Kurhessen (Kurzform des Kurfürstentums Hessen) ein und stellten den Kurfürsten Friedrich
Wilhelm I. unter Arrest. Dieser hatte zuvor die allgemeine Mobilmachung zur Unterstützung Österreichs gegen Preußen
befohlen.
In den Jahren 1867 und 1868 fasste Preußen die Kurfürstentümer Hessen, Nassau und weitere
annektierte Gebiete zur preußischen Provinz Hessen-Nassau zusammen. Was äußerlich
betrachtet nach massiver Unterwerfung klingt, stieß bei den Betroffenen nicht überall auf große
Ablehnung. Die Kasseler Bevölkerung soll Berichten zu Folge dem preußischen Einmarsch eher
positiv gegenüber gestanden haben. Des Weiteren soll es innerhalb Kurhessens große
Widerstände gegen ein militärisches Engagement für Österreich und damit gegen Preußen
gegeben haben.
 
So unterstellte sich beispielsweise das kurhessische Militär nur vier Tage nach dem Einmarsch
Preußens freiwillig der preußischen Main-Armee (Plenefisch: Die preußischen Annexionen
1866). Mit der Eingliederung Kurhessens zur preußischen Provinz Hessen-Nassau war die hier
lebende Bevölkerung dann auch für zukünftige Kriege Preußens militärisch „mit im Boot“.  Und
diese sollten nicht lange auf sich warten lassen.
Der Deutsch-Französische Krieg
Bereits im Sommer des Jahres 1870 zogen dunkle Wolken auf: Frankreich erklärte Deutschland den Krieg, da es sich
von der sog. „Emser Depesche“ provoziert fühlte. Hintergrund der gereizten Stimmung war die Frage der spanischen
Thronfolge. Frankreich befürchtet im Falle einer für sich ungünstigen Thronfolge-Regelung, dass sich das europäische
Mächteverhältnis sehr zu seinem Nachteil verschieben könnte, wenn der von Preußen favorisierte Kandidat den Thron
besteigen würde.
 
Die „Emser Depesche“ war dabei im Grunde nichts weiter als ein regierungsinternes Telegramm, das auf einem
Schreiben des französischen Botschafters vom 13. Juli 1870 basierte. In diesem Schreiben forderte jener Botschafter
König Wilhelm I. von Preußen auf, dafür Sorge zu tragen, dass zukünftig niemals mehr preußische Prinzen den
spanischen Thron besteigen würden. König Wilhelm I. befand sich zu diesem Zeitpunkt zu einer Kur in Bad Ems.
Sein Diplomat Heinrich Abeken telegrafierte diesen Vorfall daraufhin an Otto von Bismarck (Kanzler und Außenminister
des unter preußischer Führung stehenden Norddeutschen Bundes). Von Bismarck, der zu diesem Zeitpunkt einem
Krieg gegen Frankreich im Interesse Preußens sehr viel positives abgewinnen konnte, manipulierte das Telegramm in
einem ihm gefälligen Sinne und fertigte daraus eine öffentliche Presseerklärung. Frankreich fühlte sich von dieser
Presseerklärung massiv provoziert. Die unmittelbare Folge: am 18. Juli 1870 erklärte Frankreich seinem Nachbarn
Preußen den Krieg.
Kurhessen - mittendrin statt nur dabei
Durch die vorangegangene preußische Annexion (1866) war das Kurfürstentum Hessen militärisch an Preußen
gebunden. Somit gab es für eine Beteiligung an einem Krieg gegen Frankreich für kurhessische Truppen kein Zurück:
mehr als 18.500 Soldaten und knapp 440 Offizieren des Kurfürstentums zogen ins Feld.
 
Frankreich stand zu diesem Zeitpunkt unter der Regentschaft von Kaiser Napoleon III., der – wenn man den Berichten
Glauben schenken mag – weder gesundheitlich noch unter Berücksichtigung seiner Führungsqualitäten in der Lage
war, einen erfolgreichen Feldzug gegen Preußen zu führen. Er wurde in seinen Handlungen mehr oder weniger von
seine Ehefrau gelenkt und schließlich mit der
Ausrufung der III. Republik Frankreichs am 4.
September 1870 seines Amtes enthoben,
nachdem seine Armee die Schlacht bei Sedan (1.
September 1870) verloren hatte.  Er ergab sich
den preußischen Truppen und wurde nach
Schloss Wilhelmshöhe in Kassel gebracht, wo er
sich  mit angemessenem Komfort bis zum 19.
März 1871 unter Arrest befand.
Die Frankreich zu Kriegsbeginn
gegenüberstehende Armee war augenscheinlich
gut durchorganisiert und im preußisch-nationalen
Interesse tief entschlossen, sich dem
französischen Feind zu widersetzen. Der Kampf
gegen Frankreich wurde zu einer existentiellen
Frage der nationalen Ehre hochstilisiert und
öffentlich entsprechend kommuniziert. Der
allgemeinen Mobilmachung stand also aus
Gründen des Nationalstolzes  nichts mehr im
Wege.
Carl Röchling: „Tod des Majors von Hadeln“ (Gravelotte, 18. August 1870) © gemeinfrei
Das Kriegerdenkmal in Ziegenhain,
eingeweiht am 6. August 1899
© gemeinfrei