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Bomben treffen Allendorf
Das Gelände des ehemaligen Einsatzflugplatzes Ziegenhain grenzt westlich an Allendorf. In der Auswertung des
Einsatzberichtes der US AIRFORCE zum Luftangriff vom 24. März 1945 findet der Ort jedoch keine Erwähnung. 
An diesen Tag kann sich Georg Rockensüß gut erinnern. Obwohl er damals gerade mal fünf Jahre alte gewesen sei, habe sich
das Ereignis tief in sein Gedächtnis eingebrannt, berichtet er. Das Haus der Familie Rockensüß  - erworben um 1850 -  war bis
zur Mitte des 19. Jahrhunderts die örtliche Revierförsterei. Bereits im Jahr 1875 wurde der Betrieb als Gaststätte
aufgenommen, die bis heute existiert.
Zu dem Gasthaus gehörte auch der sogenannte „Kirmessaal“, der ursprünglich für größere Feierlichkeiten der
Dorfgemeinschaft genutzt worden war. Mit dem Fortschreiten des 2. Weltkriegs wurden hier jedoch mehr als 20 französische
Fremdarbeiter untergebracht, die auf den Bauernhöfen der Umgebung landwirtschaftliche Zwangsarbeit zu leisten hatten.
Georg Rockensüß erinnert sich gerne an die Franzosen. Sie seien zu ihm sehr
freundlich gewesen, hätten abends gelegentlich musiziert und die in den
Schwalmwiesen gesammelten Weinbergschnecken zubereitet. Mit kindlicher
Neugier habe er die Schnecken gerne probiert, seine Mutter konnte sich
dafür jedoch keineswegs begeistern. Die Fenster des Saales seien vergittert
gewesen, und die Franzosen hätten auf Stroh geschlafen. Unter dem Saal
befand sich auch der Viehstall, zudem sei ein Luftschutzraum im Haus gewesen.
An dem sonnigen und frühlingshaft warmen Spätnachmittag des 24. März 1945
war der Himmel erfüllt mit dem Donnern und Grollen von schweren
Flugzeugmotoren. Ältere Dorfbewohner rieten dazu, vor den in 3er Gruppen
anfliegenden Bombern Deckung im Luftschutzraum zu suchen, und so versammelten
sich einige Menschen darin. Deutlich waren hier die ersten Detonationen der
Sprengbomben zu hören, es folgte eine Unzahl von Explosionen.
Im Verlauf des nun laufenden Luftangriffs auf das Gelände des Einsatzflugplatzes wurden auch Teile von Allendorf/Landsburg
getroffen. Der Bauernhof „Heidecke 12“ wurde durch einen Volltreffer völlig zerstört. Die Bäuerin (Frau Vogel) habe sich
rechtzeitig in Sicherheit bringen können, allerdings sei der Trümmerbereich mit Teilen von zerrissenen Tierkadavern übersät
gewesen.
 
                                                                                                                      Auch das Haus der Familie Rockensüß hatte       
                                                                                                                      zu leiden: der Kirmessaal wurde schwer getroffen,
                                                                                                                      weil eine Bombe auf die davor befindliche Treppe
                                                                                                                      fiel und explodierte; eine weitere Bombe sei auf die
                                                                                                                      Brandmauer (Hausrückseite) gefallen und dort zur
                                                                                                                      Detonation gekommen. Die Fenstergitter des
                                                                                                                      Kirmessaals wurden dabei heraus gesprengt und
                                                                                                                      landeten auf einer Wiese in Richtung der Schwalm.
Georg Rockensüß berichtet, die Luft sei nach der Explosion der beiden einschlagenden Bomben mit einem bläulichen Dunst
erfüllt gewesen, und es habe sehr eigenartig gerochen. Wie durch ein Wunder habe es hier keine Toten gegeben. Durch die
herabstürzenden Trümmer sei der Ausgang des Luftschutzraumes versperrt gewesen. Er musste nach dem Ende des
Luftangriffes von innen freigeräumt werden. Das Wohnhaus hielt dem Angriff stand, wenngleich auch mit schweren
Beschädigungen. Zumindest die Gefache des alten Hauses hatten die Explosionen überstanden.
Wie sich dann herausgestellt habe, wurde eine Frau außerhalb des Schutzraumes von umstürzenden Trümmern getroffen. Sie
verstarb etwa 14 Tage danach an den Folgen ihrer schweren Verletzungen. Andere hatten mehr Glück: „Meine Oma saß mit
einer Bekannten vor dem Backhaus und wartete, dass der Kuchen fertig wird“, erzählt Herr Rockensüß. Die beiden hatten den
Angriff  dort verbracht und seien wie durch ein Wunder unversehrt nach Hause gekommen.
Nach dem Angriff
Als nach einigen Tagen der Schrecken des Bombardements nachgelassen
hatten, trieb die Neugier die Allendörfer Jungen zum Einsatzflugplatz. Mit
dabei war auch Georg Rockensüß: „Das Gebiet war übersät von
Bombenkratern. Überall lagen kleine Propeller herum, die wahrscheinlich
von den Bombenzündern stammten“, erzählt er.
Zudem fanden die Kinder viele Blindgänger und Munition, die wild verstreut
umher lag. Seine Mutter sei sehr verärgert gewesen, dass er dort hingegangen
sei. Selbst rechts vor der Bahnunterführung an der Landstraße nach
Dittershausen lagen zwei Blindgänger. Später sei einem Kind beim Hantieren
mit Fundmunition die Hand abgerissen worden.
Über Opfer unter den Soldaten auf dem Einsatzflugplatz ist auch Georg Rockensüß nichts bekannt. Nur vier beschädigte
Flugzeuge hätten noch auf dem Gelände gestanden, in die sie als Kinder gerne hineingeklettert sind. Die Bunkeranlagen des
Flugplatzes seien weitgehend unversehrt gewesen, lediglich ein Bunker sei mäßig beschädigt worden.
Als am Karfreitag 1945 die Amerikaner in die Schwalm einrückten, änderte sich die Lage grundlegend. Zunächst hielt eine
Panzerabteilung außerhalb von Allendorf und forderte die Dorfbewohner auf, weiße Fahnen und Bettlaken als Zeichen der
Kapitulation aus den Fenstern zu hängen. Insbesondere die französischen Fremdarbeiter waren überaus erleichtert über das
Eintreffen der Amerikaner. Sie versorgten die in das Dorf einrückenden Panzerbesatzungen mit Apfelsaftflaschen.
Für einige Bauern, die ihre Fremdarbeiter während der zurückliegenden Zeit schlecht behandelt hatten, wendete sich das Blatt
dramatisch. Sie bekamen zu spüren, dass es am Ende des Krieges nicht zwingend erforderlich war, einen Auftrag an den
Dorfschneider zu erteilen, um in den Genuss einer „ordentliche Tracht“ zu kommen...
Auf dem Flugplatz lag neben Munition, Blindgängern und Flugzeugwracks auch viel Einsatzmaterial verstreut. Drei große
Tankbehälter aus emailliertem Eisen wurden von Dorfbewohnern zerschnitten und weiterverwendet. Wie in Leimsfeld fanden
auch in Allendorf die Aluminium-Zusatztanks der deutschen Jagdflugzeuge gerne weiteren Gebrauch: ein „Interessent“ baute
sich daraus ein Doppelrumpfboot (Katamaran), mit dem er auf der Allendörfer Schwalm umher schipperte.
Zur Diebstahlprävention  erfolgte allabendlich die Versenkung des Bootes im Fluss, anschließend wurde es an einem Seil
unter Wasser aus dem „Wahrnehmungsbereich der Allgemeinheit“ geschleppt. Wie das Schicksal so spielte, kam der
Bootsbauer bei dem Versuch, auf der benachbarten Gleisanlage einen fahrenden Zug zu besteigen, ums Leben. Sein
Katamaran dürfte demnach noch immer im Flussbett der Schwalm liegen und auf ein erneutes Wiederauftauchen warten.
Entgegen anderweitiger Erzählungen weist Georg Rockensüß deutlich darauf hin, dass die Bunkeranlagen des
Einsatzflugplatzes Ziegenhain nicht gesprengt worden seien. Ein späterer Beseitigungsversuch sei gescheitert, da der
Abbruch bzw. eine Sprengung viel zu hohe Kosten verschlungen hätte. Vielmehr seien die Bunker auf Betreiben der US-
Armee und der Bundeswehr in das Sondermunitionslager Rörshain integriert und durch den Bau zusätzlicher Bunker erweitert
worden. Die formelle Auflösung dieses Lagerkomplexes erfolgte erst Anfang der 1990er Jahre, die Bunker als solche sind
jedoch weiter existent.
 
Bildnachweis:Bundesarchiv, Bild 101I-429-0646-31 / Billhardt / CC-BY-SA 3.0  (Bildausschnitt)
Georg Rockensüß (Veröffentlichung mit
Einverständnis)
Foto: amerikanische 250 Pfd. Bombe (MoserB/public domain)
Blick auf Allendorf/Landsburg. Foto:
Oliver Deisenroth CC BY-SA 3.0
Dieser Film zeigt den Zusammenbruch der Wehrmachtseinheiten
im April 1945 in Nordhessen. Es dürfte sich dabei um Bad
Wildungen und den Flugplatz Fritzlar handeln