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Schwälmer in Amerika
Die Hessen kapitulieren vor George Washington nach dem Überfall bei Trenton am
26.12.1776. Der Film “The Crossing” behandelt das Thema. Bild © gemeinfrei
Hessisches Grenadierregiment im Gefecht
Die Liste der Männer, die es aus Treysa, Ziegenhain und den vielen umliegenden Dörfern in den Unabhängigkeitskrieg
zogen, ist überaus lang. Eine Übersicht bietet das Landesgeschichtliche Informationssystem Hessen (HETRINA „Hessische
Truppen in Amerika“), in dessen Suchfunktion man beispielsweise einfach einen Orts- oder Familiennamen eingeben kann.
Zum Suchbegriff „Treysa“ werden alleine 15 Seiten mit Familiennamen angezeigt, von denen viele heute hier noch existent
sind. Welche Geschichte sich hinter dem jeweiligen Namen verbirgt, ist allerdings nur in wenigen Einzelfällen überliefert.
Dabei erscheint mir die Frage, wie die Menschen, die in unserer Heimat geboren sind, ihre Reise nach Amerika erlebt haben,
erheblich interessanter, als das sich stetig wiederholende Aufrollen der politischen und militärischen Hintergründe des
„Revolutionary War“, wie er heute in den USA genannt wird. Hierzu liegen bereits verschiedene Publikationen vor, die einen
verhältnismäßig engen Einblick in den Reise- und Kriegsalltag erlauben.
Wohl bekanntestes Beispiel ist das Tagebuch des Sockenstrickers Johann Valentin Asteroth, geboren am 12. Oktober 1758 in
Treysa. Was seinen Bericht so besonders macht ist der Umstand, dass auch er aus dem Unabhängigkeitskrieg zurückgekehrt
ist und sein Leben in Treysa fortgesetzt hat. Zugegeben, seine Aufzeichnungen sind nicht immer einfach zu lesen, schreibt er
doch nicht nur die Namen der amerikanischen Orte seines Aufenthalts „so, wie man sie spricht“. Häufig wechselt auch seine
Schreibweise derselben Begriffe innerhalb einer Tagebuchseite, bei denen er zudem seine Schwälmer Herkunft kaum
verhehlen kann.
Auch seine Ereignisdarstellungen sind gelegentlich eher schwierig nachzuvollziehen. Aus diesem Grund wurde die bisher
letzte Publikation (herausgegeben 1992 vom Stadtgeschichtlichen Arbeitskreis e.V. Treysa) durch klarer strukturierte Auszüge
aus den Aufzeichnungen des Feldpredigers Heinrich Kümmel (Henrich Kümmell) ergänzt. So gelingt es, den Zusammenhang
seiner Darstellungen und die dahinter stehenden militärischen Geschehnisse besser einzuordnen.
Johann Valentin Asteroth
Asteroth wurde 1776 in den britischen Sold
übernommen. Am 7. Mai desselben Jahres verlässt
seine Einheit unter „wehmütigem Geschrey“ vieler
Leute Treysa und nimmt den Marsch über Wabern
und Gudensberg auf. Der weitere Weg führt über
Cassel, dann durch die Hildesheimer Gegend, vorbei
am Steinhuder Meer, Bückeburg und Verden, bis das
Regiment schließlich am 30. Mai das Wurstener Land
(zwischen Bremerhaven und Cuxhaven) erreicht.
Die Einschiffung erfolgt am 3. Juni 1776 in Ritzebüttel,
heute regional zur Gemeinde Cuxhaven gehörend.
Erst am 12. Juni passiert das Schiff Helgoland.
Weitere acht Tage später wird vor
Portsmouth/England Anker geworfen. Am 28. Juni
wird die Reise fortgesetzt bis das Schiff am 6.Juli im
Hafen von Plymouth einläuft.
Hier wird erneut pausiert, bis die Schiffe mit den Hessischen Regimentern am 20. Juli zur Atlantiküberfahrt aufbrechen - eine
Reise, die drei Monate dauern soll. Schließlich wird am 20. Oktober 1776 vor New York erneut Anker  geworfen.
Asteroth berichtet von der Überfahrt, dass es zu Erkrankungen und Todesfällen gekommen sei. Die einseitige
Mangelernährung führt zu Skorbut, die räumliche Enge beschleunigt die Ausbreitung von Krätze und „sonstigen Krankheiten“.
Auf See seien Tote in Tücher eingenäht und mit Steinen beschwert dem Meer übergeben worden.
Nach seiner Ankunft in Amerika wird Asteroth dem 24jährigen Feldprediger Henrich Kümmell als Gehilfe unterstellt. In dieser
Funktion dient Asteroth offiziell im zweiten Glied in der Compagnie des Obristenleutnants Kurtze, 23. Garnison Regiment
unter dem Kommando von Oberst Johann Christoph von Huyn. Sein Alter wird zu dieser Zeit mit 18 Jahren angegeben
(Asteroth S.78 f.).
Seine Einheit nimmt durchaus an Kampfhandlungen gegen die sog. amerikanischen „Rebellen“ teil, ob er selbst dabei aktiv
gekämpft hat, wird beim Studium seiner Aufzeichnungen nicht abschließend klar. Aufgrund seiner Darstellungen darf dies
jedoch angenommen werden, da er relativ authentisch von Gefechten berichtet, in denen sein Regiment erheblich unter
Druck der Rebellen gerät und eine verhältnismäßig hohe Zahl von Verwundeten und Gefallenen zu beklagen hat.
Asteroth schildert in seinem Tagebuch u.a. den groben Verlauf
eines Gefechtes bei Bristol Ferry (Rhode Island) im  August 1778.
Rhode Island war im Mai zuvor von Britischen und Hessischen
Soldaten besetzt, geplündert und verschiedene Gebäude
teilweise zerstört worden, was bei den amerikanischen Rebellen
entsprechend militärische Gegenreaktionen auslöste.
Am 29. August 1778 treffen die Rebellen in einer
Rückzugsbewegung auf Britische, Ansbacher und Hessische
Truppen. Das Regiment Huyn erhält von General Loßberg den
Befehl, die eigenen Schanzen zu überwinden und einen
Sturmangriff auf die Rebellen durchzuführen.
Doch diese scheinen das Manöver vorausgesehen zu haben. Bei
Herankommen in  Schussweite eröffnen die Rebellen das Feuer
auf die anstürmenden Soldaten und schließen sie in einer
Zangenbewegung ein. Asteroth schreibt, „von beyden seiten
kammen die Feinte und umringten unser Regement, daß es
schiene als wan kein Man sollte davon kommen, aber Gott half
und retirierten wieder. Plessirt und Tod v Reg 83 Man.
([ Verwundete und Tote des Regiments: 83 Mann] Asteroth
Seite 43).
An anderer Stelle berichtet er, die Rebellen hätten von außen direkt in das Regimentslager geschossen, was den Schluss
zulässt, dass auch hierauf entsprechend und unmittelbar reagiert worden ist. Es ist nicht anzunehmen, dass sich Asteroth in
derartigen Situationen einer militärischen Verteidigungshandlung entzieht.
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 
Vordergründig jedoch besteht Asteroths Aufgabe nicht in der Bekämpfung von Rebellen-Milizen oder Kräften der
Kontinentalarmee, sondern in der Unterstützung des Feldpredigers Kümmell bei der Vorbereitung und Durchführung von
(Feld-) Gottesdiensten. Dieser Umstand kann dazu beigetragen haben, dass er ggf. eine gewisse Besserstellung erfahren 
hat und ohne wesentliche, gesundheitliche Einschränkungen zurück nachhause kommt.
                                                                                                                                                 
Im Sommer 1783 – nach immerhin 7 Jahren Einsatz - wird die Einheit von Asteroth zur Rückreise über den Atlantik 
eingeschifft, am 8. Oktober desselben Jahres geht das Schiff der Hessischen Soldaten im Hafen von Bremerlehe vor Anker.
Zwei Tage später beginnt der Marsch in die Heimat. Am 5. November erreicht Valentin Asteroth Treysa und wird beurlaubt.
Seinen Erlaßschein (Entlassungsurkunde) erhält er am 16. Februar 1784.
In den Folgejahren arbeitet sich Valentin Asteroth in seiner Heimatstadt zum Sockenstricker-Meister hoch. Später verlobt er
sich mit Anna Katharina Förster, die Eheschließung erfolgt am 23. November 1786 (Asteroth S.68 ff.) Aus der Ehe gehen
insgesamt 10 Kinder hervor, von denen sieben im Kindesalter an verschiedenen Erkrankungen versterben, was durchaus der
üblichen Kindersterblichkeit dieser Zeit entsprechen dürfte. Valentin Asteroth stirbt am 8. Oktober 1804 im Alter von 46
Jahren.
Philipp Jakob Hildebrandt
Neben dem Tagebuch des Johann Valentin Asteroth wurden in jüngerer Zeit auch
die Aufzeichnungen des Jakob Philipp Hildebrandt publiziert. Die wissenschaftliche
Bearbeitung erfolgte von Holger Th. Gräf (Hess. Landesamt für geschichtl.
Landeskunde, Universität Marburg/Lahn) und Lena Haunert, unter Mitarbeit von
Stefanie Funck.
Auch im Rahmen dieser Publikation war es erforderlich, Beziehungen und
Sachverhalte wesentlich zu ergänzen, da Hildebrandt in seinem Tagebuch große
Fertigkeiten beweist, ellenlange Sätze kompliziert zu verschachteln. Zwar leidet das
Verständnis unter den originalen Tagebuchauszügen, Hildebrandt hatte jedoch
sicher nicht im Sinn, seine Erinnerungen einem verwöhnten Leserkreis des 21.
Jahrhunderts zugänglich zu machen.
Philipp Jakob Hildebrandt wird am 15. September 1733 in Ziegenhain als Sohn des
Johann Christian Hildebrandt und der Catharina Elisabeth (geb. Herlen) geboren.
Aus den Aufzeichnungen lässt sich schließen, dass er ein nicht näher bekanntes
Studium absolviert hat. Im Wege seiner militärischen Karriere dient er in Schleswig-
Holsteinischen, Hessen-Casselschen und Hessen-Homburgschen Regimentern,
bis er 1777 in Hessen-Hanauische Dienste tritt.
1767 heiratet er Maria Henriette (geb. Mickwitz). Aus der Ehe gehen vier Kinder hervor, von denen eine Tochter im Alter von
einem Jahr verstirbt. Wenige Tage nach der Geburt seines letzten Kindes (Karoline, *Januar 1777) tritt Hildebrandt als
Leutnant in den Hessen-Hanauischen Dienst und bricht mit der Jäger-Kompanie Kornrumpff am 7. März nach Nordamerika
auf.
Hildebrandt dürfte den vorliegen Unterlagen zu Folge als leidlich strebsam gelten. Bereits am 11. November 1777 wird er zum
Stabskapitän ernannt. Seine Kriegseinsätze sind dagegen sehr überschaubar. Den wesentlichen Teil seines Nordamerika-
Aufenthalts verbringt er in Kanada (Quebec u.a.) bzw. der Grenzregion zum Gebiet des „Staats“ New York.   Im selben Jahr
nimmt er  an der Expedition von Barry St.Leger in das heutige  Gebiet der USA teil.
Sehr interessant sind in diesem Zusammenhang seine Beschreibungen, sowohl hinsichtlich der beschwerlichen Bootsfahrten
und Märsche, als auch über die „Wilden“ und sonstigen „Canadienser“. Hildebrandt schildert Land und Leute und vergleicht
sie gelegentlich mit den Zuständen in der Heimat: „Man findet nicht allhier wie bei unß in Teudschland – welches zur Schande
meiner Landsleute anmercke – daß eingerißene Übell, daß sich Alt und Jung auf Hochzeyten, Kirchweyen oder ihren
sonstigen Lustbarkeiten in die Haare fallen und herumschmeißen (…) und es gereicht unß Teudschen ebenwohl zur
Schande, da wir so viel Aufwand machen, um unnßre Kinder erziehen zu laßen (…)“ (Hildebrandt, S. 108 f.)
Im Rahmen der Durchführung der St.Leger-Expedition beteiligt sich Hildebrandt ab dem 3. August 1777 mit etwa 100
Hessisch–Hanauischen Jägern an der Belagerung des Fort Stanwix. Zu den Belagerern zählen zudem noch Einheiten
regulärer britischer Soldaten, Kanadier, Loyalisten (sog. Königstreue), sowie etwa 800 bis 1000 verbündete Indianer. Das Fort
ist mit etwa 550 Rebellen unter dem Kommando des Oberst der Kontinentalarmee Peter Gansevoort besetzt.
Die rund 21tägige Belagerung als solches erweist sich als
Fehlschlag, der nach einem Täuschungsmanöver der
Rebellen in einem Abzug der Belagerer endet. Hildebrandt
indessen äußert sich kritisch über den Umgang der Indianer
mit gefangenen Rebellen, die ihre Gegner brutal skalpieren.
Diese Skalpe werden als Trophäen an die Leibgürtel
gehängt und erzeugen u.a. wegen des „herabtriefenden
Fetts“ einen scheußlichen Anblick (Hildebrandt, Einleitung
XVII).
Nach dem Ende der Expedition fristet Hildebrandt ein
vergleichsweise ruhiges Dasein in Kanada. Als im Sommer
1783 der Tag seiner Rückreise nach Deutschland beginnt,
bestehen bereits Zweifel, dass er diese überlebt. Er leidet
zu diesem Zeitpunkt an „Schwindsucht“ (Tuberkulose).
Seine Familie wird er nie wiedersehen. Philipp Jakob
Hildebrandt verstirbt am 29. August 1783 auf hoher See.
Sein Leichnam wird auf der Höhe von Neufundland dem
Meer übergeben (Hildebrandt, Einleitung XIV).
Im Regimentslager: Auch einige Frauen
begleiteten “ihre Soldaten” nach Amerika
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